„Wer nach fünf Jahren immer noch Existenzgründer ist, sollte seine Selbstständigkeit beenden.“ Das riet der DIW-Forscher Karl Brenke vor einigen Jahren in einem Artikel in der WELT. Wir wollen das Thema noch einmal aufgreifen, denn auch wir erleben, dass viele Gründer eher Selbstausbeutungsständige als Selbstständige sind und oft weit unterhalb der Mindestlohngrenze arbeiten.

Für Arbeitnehmer wurden die Weichen ab Januar 2019 wieder neu gestellt:  9,19 Euro – das ist der aktuell festgeschriebene Mindestlohn für eine Stunde Arbeit. 2020 wird er auf 9,35 Euro angehoben. Überschlage ich das ein oder andere Projekt, das ich im letzten Jahr als Solo-Selbstständige bearbeitet habe, dann komme ich auf einen Stundenlohn von weniger als sieben Euro. Damit gehöre ich wohl zu den 40 Prozent der Selbstständigen, die laut einer Statistik des Bundesarbeitsministeriums von 2016 mit ihrem Gehalt unter dem Mindestlohn liegen. Viele von ihnen zahlen nicht in die Rentenkasse ein und haben auch keine Möglichkeit, privat vorzusorgen.

„Selbstständige sind die neuen Niedrigverdiener“ – so titelte damals die WELT. Und bis heute hat sich daran auf den ersten Blick wenig geändert. Besonders im Kleinunternehmerbereich und im Sektor der freien Berufe bewegen sich viele Selbstständige weit unterhalb des gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn für Arbeitnehmer. Paradoxerweise ist ausgerechnet der auch mit dafür verantwortlich, dass sich daran bis heute wenig geändert hat.  Da viele Kleinunternehmer ihre Beschäftigten einst im Niedriglohnbereich bezahlt haben, sorgt der Mindestlohn zusätzlich für eine Kostenerhöhung, die sich der eine oder andere nicht mehr leisten konnte.

Allerdings ist das nur eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass insbesondere Solo-Selbstständige im unteren Einkommensbereich auf einen vergleichsweise niedrigen Stundensatz kommen, weil die hohen Mindestbeiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung, die für Selbstständige gelten, sie gegenüber Angestellten systematisch benachteiligen. Darauf weist der Verband der Gründer und Selbstständigen e.V. immer wieder hin und betont, dass es ein Vorurteil sei, dass viele Selbstständige ein „Kümmerdasein“ fristen würden. So steht auch in der Zusammenfassung des DIW-Berichts auf den sich viele Presseartikel zu diesem Thema beziehen: „Danach lohnt sich der Schritt in die Selbständigkeit finanziell für viele, denn auch Solo-Selbständige verdienen nicht generell weniger als vergleichbare Angestellte. Die relativ starke Streuung der Einkommen von Selbständigen weist darauf hin, dass unternehmerische Selbständigkeit mit hohen Einkommenschancen, aber auch mit hohen Einkommensrisiken behaftet ist.“

Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass viele Gründer gerade in den ersten Jahren weit weg von einer angemessenen Bezahlung sind und dass sich das besonders in den kreativen Berufsgruppen oft zu einem Dauerzustand manifestiert. Was also tun? Natürlich lässt sich mit einer guten Marktananlyse schon einschätzen, in welchen Umsatzbereichen und damit – individuell angepasst – in welchen Gewinnzonen man sich als Unternehmer*in bewegen wird. Aber jeder, der schon mal einen Businessplan geschrieben hat, weiß, dass oft dann doch vieles anders kommt. Man kann eine Selbstständigkeit schwer auf dem Reißbrett entwerfen.

Als ich mich 2001 als Journalistin selbstständig gemacht habe, war klar, dass die Zahl der hochbezahlten, freien Edelfedern auf ein kleines überschaubares Grüppchen geschrumpft ist, dass die große Masse der schreibenden Zunft wohl eher im Haifischbecken statt im Blauen Ozean um jeden Auftrag kämpft und dass sich diese Situation durch den rasanten Wandel der Branche wohl auch nicht ändern würde. Das hat mich allerdings nicht davon abgehalten, mich ins Getümmel zu stürzen. Überlebt habe ich bisher durch ein hohes Maß an Engagement und manchmal auch durch eine gewisse Durchbeiß-Mentalität. Ich war nach fünf Jahren noch nicht so weit, dass ich von meiner Arbeit so richtig gut leben konnte und auch heute gibt es Phasen, in denen es nicht so gut läuft und wo ich neidisch auf die festangestellten Kollegen*innen in den Redaktionen schiele. Trotzdem habe ich mich nicht ohne Grund für die Selbstständigkeit entschieden und nehme die finanzielle Berg- und Talfahrt in kauf.  Aber das ist meine Antwort. Sie müssen Ihre eigene finden.

Fakt ist, dass es den wenigsten Selbstständigen vergönnt ist, von Anfang an in der oberen Liga mitzuspielen. Manchen gelingt es auch nie. Viele geben auch wieder auf.  Trotzdem lautet mein Rat, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern stattdessen gut zu planen und den eigenen Weg zu finden. Der Buchautor Steven Pressfield hat es so wunderbar gesagt: „Betrügen Sie uns nicht um Ihren Beitrag. Geben Sie uns alles, was Sie haben.“

Jeannette Hagen, freie Journalistin, Berlin